Kennen Sie Vater Rhein?

Das Leben kann spannend sein, mitunter auch recht mysteriös. Das hat zumindest unser Kolumnist Freddy Schissler kurz vor dem Lockdown festgestellt, als er noch mit Freunden ein Wochenende am Rhein genießen durfte…

 

„Einmal am Rhein…beim Gläschen Wein im Mondenschein“ – dieser mächtige Fluss mit einer Länge von über 1200 Kilometern und einer Wein-dominierten Umgebung ist viel besungen. Alles heitere Lieder in Dur, wunderbar geeignet dazu, die Laune in schwindelerregende Höhen (verursacht vom Rebensaft) zu hieven. Eine bevorzugte Gegend, um unbeschwerte Tage zu verbringen. Dachte sich auch der Autor dieser Zeilen – und endete doch zunächst in einer Melodie in Moll.

Ich verabredete mich in einem kleinen Ort nahe Rüdesheim mit Freunden vergangener Tage. Die reisten einen Tag zuvor an. Ich sollte am Freitag dazustoßen, direkt nach dem Frühstück, pünktlich zum Start einer Wanderung. Ich musste früh losfahren, denn ich wollte nicht wieder stichelnde Bemerkungen kassieren – beim letzten Treffen hatte ich mich um über eine Stunde verspätet.

Natürlich tippte ich am Tag zuvor im Navi den Zielpunkt Oestrich-Winkel ein, ein kleiner Ort in Hessen, dazu den Straßennamen und Hausnummer. Natürlich kalkulierte ich zeitmäßig auch starken Verkehr ein. Bloß nicht zu spät kommen…Sie wissen schon.

Es lief die ersten 100 Kilometer prima. Der Verkehr hielt sich in Grenzen, und im Zeitalter der Navigationsgeräte ist das Reisen per Auto ohnehin eine der leichten Aufgaben dieses Lebens. Wie war das anno dazumal, als es diese Technik noch nicht gab. Die Geschichte mit den überdimensional großen Landkarten. Bei mir war das immer so: Entweder hatte ich die Karte mit dem falschen Ausschnitt von Deutschland eingepackt (der Norden des Landes, wenn es nach Süden ging – und das Ganze auch oft in umgekehrter Variation). Oder das andere Dilemma: Der Fahrer musste stets rechts ranfahren, Karte ausbreiten auf der Kühlerhaube und schauen, wo es lang ging. Und schon wieder war man hinter diesem Lastwagen.

Das Navi also als großer Segen eines desorientierten Autofahrers. In meinem Fall auch alles gut – bis Ingelheim. Das Navi verriet mir: „…noch 2,8 Kilometer bis zu Ihrem Zielpunkt, das dann rechts vor Ihnen liegt…“ Blick auf die Uhr – 8.42 Uhr. Ein Lächeln auf den Lippen. Keine spitzen Bemerkungen der Freunde. Der Vater Rhein, ein prima Papa. Man sollte ihn öfter besuchen.

Dann das böse Erwachen. Von wegen beim Gläschen Wein im Mondenschein… Die Straße endete abrupt. Ich sah dem Vater mitten ins Angesicht. Da lag er, der Rhein, vor mir und in seiner vollen feuchten und tiefen Pracht.

Aber mein Auto kann nicht schwimmen. Und mein Navi? Meldete sich plötzlich mit der Information: „Fähre voraus, Straße zu Ende.“ Wie bitte? Keine Vorwarnung, keine Alternative. Urplötzlich diese Information. Ach ja, und noch der Zusatz, dass ich mich im Bundesland Rheinland-Pfalz befinde. Mein Ziel aber war ein Hotel in Hessen. Neiiiiiiiiiiin!!!!!!

Also auch in diesem Jahr wieder der Anruf bei den Freunden. Es könne bei mir noch eine Weile dauern. Denn mein Auto habe keine Schwimmflügel. Und überhaupt: Noch sei ich im falschen Bundesland. Noch gebe mir der Rhein zu viele Rätsel auf – und das, ohne vom besungenen rheinischen Wein gekostet zu haben.

Was mir die Geschichte lehrt: Früher war nicht alles schlechter (Landkarten). Wir sollten unser Land öfter bereisen und damit kennenlernen (gerade in diesen schwierigen Zeiten). Auto-Ingenieure sollten nicht nur am autonomen Fahren tüfteln, sondern auch am Ausbau der Amphibienfahrzeuge.                                                                                                                                                                                   Freddy Schissler