Schreibsatt

Unser Kolumnist Freddy Schissler muss Ihnen etwas gestehen. Auch wenn Sie vielleicht verständnislos den Kopf schütteln, ihm sogar den Vogel zeigen und ihn für irre erklären. Sein Zeigefinger der rechten Hand, behauptet er, habe seit ein paar Tagen Fieber. Er ist rot und heiß, er pocht und fühlt sich ein bisschen pelzig an. Das sei, versichert er, kein schönes Gefühl und kam so…

Auch ich bin verwundert, wie es sein kann, dass nur ein einzelner Teil des Körpers von einer erhöhten Temperatur befallen wird. Alles andere an mir fühlt sich normal und wohltemperiert an. Gewiss, an den Schultern spannt es und ein leichter Schmerz zieht von dort hinauf in den Nacken. Aber das ist bei mir nichts Ungewöhnliches. Dass der Zeigefinger glüht und rot ist, aber schon.
Ich habe ihm heute Morgen eine Abkühlung gegönnt. Er durfte sich in einem Glas mit kaltem Wasser erholen. Diese Therapie allerdings war nach einer Viertelstunde beendet. Ich musste in eine Besprechung (keine Angst: Wir haben die Abstandsbestimmungen eingehalten). Na ja, in turbulenten Zeiten wie diesen, in denen man leichter zur Panik neigt als sonst, hätten die Kollegen womöglich überreagiert und den Kollegen mit dem Finger im Wasserglas schnurstracks in die Notaufnahme gefahren. Ich beendete die Therapie also vor unserer Besprechung – mit jenem Ergebnis allerdings, dass mein Zeigefinger hinterher wieder in purpurroter Farbe leuchtete.
Mein Finger hat Fieber, keine Frage.
Natürlich habe ich mir schon die Frage gestellt, ob er diesen verfluchten Virus aufgeschnappt hat, mein armer Zeigefinger. Aber ich kann es beim besten Willen nicht glauben. Zum einen hülle ich ihn so oft es geht in einen Handschuh. Zum anderen hatte er seit Wochen keine Berührung mit anderen Zeigefingern. Dafür verbürge ich mich. Und weshalb sollte ihn Corona befallen haben, seinen Bruder der anderen Hand aber nicht? Mein linker Zeigefinger fühlt sich völlig normal an.
Eines der vielen Rätsel dieser Welt, die wir Menschen niemals lösen können? Nein, ich habe inzwischen eine Erklärung für die Fieberattacke meines Zeigefingers der rechten Hand. Sie hat tatsächlich mit Corona zu tun. Seit der Krise und dem Gebot, direkte Kontakte mit den Mitmenschen möglichst zu vermeiden, muss besagter Zeigefinger Höchstleistungen erbringen. Er ist pausenlos am Tippen und Verfassen lebensnotwendiger Whats-App-Nachrichten. Der arme Kerl leistet seit Tagen Akkordarbeit, um wenigstens schriftlich zu meinen Freunden und Bekannten Kontakt zu halten. Nun scheint er am Ende zu sein, und ich habe ihn liebevoll umfasst und gefragt, was ich ihm Gutes tun könne? Da schmiegte er sich an mein Ohr und flüsterte mit heiserer Stimme hinein: „Bitte gibt mir drei Tage frei. Ich bin nämlich total schreibsatt!“
S c h r e i b s a t t – spüren Sie diesen Wohlklang, den Tiefsinn, diesen Rhythmus deutscher Sprachkultur? Ich behaupte: Wer über eine solch kolossale Vokabel verfügt, muss zweifelsohne ein besonders wertvoller, ein bewusster und gedankenreicher Mensch, ähhh pardon, Zeigefinger sein.

 

Freddy Schissler