Dolce Vita light 

Unser Kolumnist Freddy Schissler (auf dem Foto links) ist ein Nostalgiker. Dann und wann überkommt ihn das Gefühl, alte Fotoalben hervorzukramen und darin zu blättern. Weihnachten als Teenager, Schulabschlussfeier, die Aufnahmen vom ersten Auto. Längere Zeit hängen geblieben ist er unlängst bei jenen Fotos, die seine ersten Urlaubsreisen dokumentieren. Er hatte damals nicht viel Geld zur Verfügung, weshalb Hotels zum Übernachten nicht in Frage kamen. Wäre auch viel zu spießig gewesen für einen 20-Jährigen. Stattdessen zeltete er mit seinen Freunden…

„Zelten am Lago Maggiore“: Wie das klingt – nach Leben in Freiheit. Nach Sternenhimmel. Nach lauer Sommernacht und vorsichtigem Kennenlernen der Zelt-Nachbarinnen. Nach Glück und Glückseligkeit. Zelten am Lago in südländischer Atmosphäre, ach ja!

Und so unterbreitete ich vor nicht allzu langer Zeit meinen Freunden den Vorschlag, zu den Wurzeln zurückzukehren. Nach Italien, zum Zelten am Lago Maggiore, anstatt Viersternehotel oder beispielsweise Kreuzfahrt. Dolce Vita light sozusagen.

Ob ich mir das gut überlegt hätte, wunderten sich im ersten Moment meine Freunde. Wo ich doch in letzter Zeit immer öfter über Rückenschmerzen klage. Ich winkte ab und konfrontierte einen der Freunde stattdessen mit der Frage: „Existiert das Zelt von damals noch?“

Er hatte eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte: Das Zelt gab es nicht mehr. Die gute: Mein Kumpel hatte inzwischen ein neues gekauft. Er machte allerdings keinen Hehl daraus, weshalb es das alte Zelt nicht mehr gab: „Kannst du dich nicht erinnern? Wir haben keinen einzigen Hering mit nach Hause gebracht. Und an den Seiten war es völlig eingerissen.“ Plötzlich fielen mir wieder Einzelheiten des Urlaubs ein: Wie aus dem Nichts fegte plötzlich ein Sturm über den Zeltplatz und riss die Heringe des Zelts aus dem Boden. Irgendwann hatte ich damals einen Schraubenzieher zur Hand genommen und ihn durch die Plane in den Boden gerammt, als Heringsersatz. Der Kampf dauerte damals über eine Stunde, ehe sich der Sturm legte.

Danach war die Stimmung der Gruppe auf dem Tiefpunkt – und das Zelt nicht mehr so wie zuvor. Einen Tag nach dem Sturm hatte sich mitten durch unsere Unterkunft zu allem Übel auch noch eine Ameisenstraße gebildet. Ich versuchte sie auf unterschiedliche Weise umzuleiten: Backpulver, kleine Lagerfeuer, wildes Draufschlagen mit dem Hammer. Alles erfolglos. Dann fiel mir noch die Blindschleiche ein, die ich unter meinem Kopfkissen entdeckte. Ach ja, und natürlich der dünne Pulverkaffee am Morgen, die Tütensuppen und Würstchen aus der Dose. Nachbarinnen gab es, ich erinnerte mich plötzlich genau, keine. Stattdessen ein älteres Ehepaar, das sich am Morgen regelmäßig darüber beschwerte, dass bei uns bis weit nach Mitternacht keine Ruhe einkehrt und das so nicht weitergehen könne. Erste Beschwerden seien bei der Campingplatzleitung schon eingereicht.

Hmmmm, sollte das mit der rosaroten Nostalgie womöglich ein Trugschluss sein?

Nun ja, wenn es das Zelt nicht mehr gebe, erwiderte ich meinem Freund nach all diesen Erinnerungen, habe sich der nostalgische Zelturlaub für mich ohnehin erledigt. Seinen Vorschlag auf Schlafen auf dem Baum oder Schlafen im Fels, habe ich bis heute ignoriert. Dolce Vita hat ja laut Beschreibung im Duden auch etwas mit Luxus zu tun. Basta!