“In diesem Leben stimmt was nicht”  

Der brachiale Angriff Russlands auf die Ukraine hält die Welt in Atem. Selbst die Fußballszene reagiert darauf: Borussia Dortmund veranstaltet ein Benefizspiel gegen Dynamo Kiew – der Erlös kommt den Opfern in der Ukraine zugute. Der verantwortliche Redakteur unseres Magazins Griaß di‘ Allgäu, Freddy Schissler, erinnert sich in diesen Tagen an persönliche Begegnungen mit Spielern und Offiziellen von Dynamo Kiew, unter anderem an Dynamo-Star Oleg Blochin.


„Oleg wants to eat chicken“: Ich werde den Satz niemals vergessen. Er fiel im Januar 1985, und wer da so gerne Hühnchen gegessen hat, war Oleg Blochin, Rekord-Nationalspieler und -Torschütze der einstigen Sowjetunion, dreimal Fußballer des Jahres der UdSSR, einmal der Beste Europas. Der Franz Beckenbauer seines Landes. Blochin war stolz auf seine Heimat – und andersherum waren die sportlich und politisch Verantwortlichen stolz auf einen außergewöhnlichen Fußballer, der prima taugte zum Botschafter eines riesigen Reichs im Osten.

1985, Sportschule Ruit in Ostfildern bei Stuttgart: Der Abonnement-Meister der UdSSR, Dynamo Kiew, ist auf Einladung des Württembergischen Landessportbundes (WLSB) eine Woche lang zu Gast in Deutschland. Weniger als Trainingslager gedacht, sondern vielmehr zur internationalen Imagepflege des sowjetischen Fußballs und natürlich, um Devisen einzuspielen für den eigenen Fußballverband. Der Plan: Dynamo tourt eine Woche lang quer durch Deutschland, bestreitet Freundschaftsspiele und nimmt bei Hallenturnieren teil. Der fußballaffine Studenten-Praktikant des WLSB darf das sowjetische Starensemble von Trainerlegende Valerij Lobanowski begleiten und unter anderem den finanziellen Teil der Reise abwickeln.

Der fußballaffine Praktikant bin ich. Ein Sechser mit Zusatzzahl quasi für den damals 22-Jährigen – ohne je in meinem Leben Lotto gespielt zu haben.

Wenn der BVB  in einem Benefizspiel auf Dynamo Kiew trifft und anschließend den Reinerlös den ukrainischen Opfern des russischen Angriffskrieges zugutekommen lässt, sind plötzlich wieder die Bilder von einst vor Augen. Von einem wortkargen, aber freundlichen „Fußball-Professor“ Lobanowski, von spannenden Gesprächen mit Spielern, vom Blick hinter die Kulissen des Vorzeigeklubs, der Kiew für die Sowjetunion immer gewesen war, vom herzlichen Wodka-Abschlussabend mit den Dynamo-Funktionären, der dem damaligen WLSB-Praktikanten noch drei Tage im Magen liegen sollte.

Und von Oleg Blochin, dem unumstrittenen Star der Mannschaft, der mir damals auf der Busfahrt nach Krefeld das Liebesbekenntnis anvertraute: „Ich trage meine Heimat tief im Herzen.“ Er meinte damit nicht nur seine Geburtsstadt Kiew. Na ja, und wenn eben auf der Speisekarte im Restaurant kein Hühnchen zu finden war, fiel der anfangs zitierte Satz. Sollte heißen: „Könnten Sie bitte dafür sorgen, dass Chicken serviert wird.“

Die Erinnerungen von einst dienen als Beweis für die Schizophrenie dieses brachialen Krieges, den Russlands Präsident Waldimir Putin am 24. Februar gegen das Brudervolk beginnen und fortan Blut fließen ließ. Dynamo Kiew verhalf dem sowjetischen Fußball gerade in den 70er und 80er Jahren im Europapokal zu hohem Ansehen, ohne diesen Klub hätte die Nationalmannschaft der UdSSR in Europa allenfalls eine Nebenrolle gespielt.

Mit dem Namen Lobanowski ist auch Fortschritt im russischen Fußball eng verbunden. Der gebürtige Kiewer, vor 20 Jahren nach einem Schlaganfall gestorben, sog Infos europäischer Spitzenteams regelrecht auf, was Trainingslehre und Taktik betrifft. Er forcierte als Trainer des Nationalteams professionelle Strukturen.

Und nochmals der Blick auf diesen Januar 1985: Lobanowski und Blochin als sportliche Botschafter eines Landes, dessen Machthaber 1985 Tschernenko und Gorbatschow (ab März) hießen. Heute heißt der Präsident Russlands Wladimir Putin, und heute sagt der 69-jährige Oleg Blochin: „Wenn Granaten über mich hinwegfliegen und nur 200 Meter entfernt ein Haus abbrennt, wird einem klar, dass in diesem Leben etwas nicht stimmt.“ Man kann ihm nicht widersprechen.