Von Frauen und Männern  

Unser Kolumnist Freddy Schissler glaubte lange Zeit : Frauen und Männer sind bei bestimmten Dingen einfach unterschiedlich. Zum Beispiel bei einem Besuch im Restaurant. Genauer gesagt: Bei der Bestellung in einem Restaurant. Weil aber auf dieser Welt alles im Fluss ist und mitunter seltsame, unvorhergesehene Dinge geschehen, ist er sich dieser Behauptung gar nicht mehr so sicher. Vor allem nach dieser Geschichte…    

Wir gehen als Familie hin und wieder essen – Sohn, Frau, Mann. Das genießen wir und freuen uns schon Tage zuvor darauf. Unlängst reservierten wir bei einem Spanier. Wir lieben nicht nur das Flair in diesem Lokal, sondern auch die Speisekarte. Mein Sohn muss sie sich in aller Regel nicht mehr reichen lassen. Er weiß schon zu Hause, was er später bestellen wird: Steak vom Angus Rind, 200 Gramm, medium gebraten, dazu die auf der Speisekarte vorgesehene Beilage, Kartoffeln. Zugegeben, ich bin während der Autofahrt meist ein bisschen unschlüssig, mit was genau ich dieses Mal meinen Gaumen verwöhne. Manchmal entscheide ich mich für Paella, dann wieder fürs Angus Rind des Sohnes. Also, natürlich nicht exakt für dasselbe. Gut möglich aber auch, dass mir der Sinn nach einem gemischten Fleisch-Teller steht. Der wird bei „unserem“ Spanier ebenfalls auf der Karte angeboten.

Wie gesagt, mit diesem Thema beschäftige ich mich, sobald ich hinterm Lenkrad sitze, und darf an dieser Stelle verraten: Wenn das Auto geparkt und der Motor aus ist, steht mein Entschluss fest. Dann weiß ich, was ich Minuten später bestelle. Um es vorweg zu nehmen: An diesem Abend war mir nach einem Mix-Grillteller mit Angus-Rind und anderen Köstlichkeiten. Meine Frau war noch unschlüssig. Dieser Zustand des Grübelns änderte sich auch nach dem ersten Blick in die Karte nicht. Was nicht weiter tragisch war, da wir zunächst die Getränke bestellten und die Bedienung mit dem Namensschild Petra längere Zeit nicht bei uns auftauchte.

Der Grund dafür saß drei Tische weiter rechts von uns. Ein Ehepaar. Er ein eher ruhiger Typ, sie die Gesprächigere von beiden. Und, so war vor allem Petra klar: die deutlich Unentschlossenere. Es dauerte gefühlte vier Minuten (und glauben Sie mir, vier Minuten können sehr lange sein), ehe sie eine Entscheidung zwischen zwei Gerichten getroffen hatte. Nun ja, ich stelle mir heute noch die Frage, ob es wirklich eine grundsätzliche Entscheidung gewesen ist. Sie wählte das Steak vom Angus Rind, und zwar bitteschön 225 Gramm. Das dezente Augenrollen von Petra war zumindest für mich verständlich: Auf der Karte gab es das Steak in drei Varianten: 150, 200 und 250 Gramm. Weil Petra offenbar zu den unkomplizierten Frauen gehört, notierte sie die Zahl 225 ebenso ohne Murren auf ihrem Block wie die gewünschte Garstufe des Steaks: „Bitte zwischen medium und well done!“

Alles nur harmloses Vorgeplänkel, sollte sich Sekunden später herausstellen. Petra wollte bereits abdrehen und endlich unsere Essens-Wünsche aufnehmen, als sie mit der Frage konfrontiert wurde: „Und welche Beilage?“ Verdutzter Blick von Petra, der in etwa sagen sollte: „Sorry, aber ich esse gar nicht. Stattdessen muss ich Sie hier ja bedienen.“
„Na ja, welche Beilage soll ich nehmen?“ Wollte die Frau drei Tische rechts von uns womöglich Petra auf ihre Nervenstärke hin testen?
„Das steht doch auf der Speisekarte: Kartoffeln.“ Petras Stimme hatte noch einen überraschend sanften Klang.
„Kartoffeln möchte ich nicht.“
„Wir können das Steak auch mit Pommes Frites bringen.“
„Nein, um Gottes Willen. Das ist mir zu ungesund.“
„Oder nur den Salat?“
„Das ist mir zu wenig.“
„Gemüse?“
Welches?“
Inzwischen war es nicht mehr ausschließlich eine Unterhaltung zwischen Petra und dem weiblichen Gast, deren männliche Begleitung zusehends kleiner wurde auf dem Stuhl. Kürzen wir das Ganze ab und verraten die wichtigste Botschaft: Es kam noch zur einvernehmlichen Einigung. Und auch wir durften an diesem Abend noch eine Bestellung aufgeben. Als nach sekundenschneller Bestellung meines Sohnes und meiner Frau dann ich an der Reihe war, befielen mich in Sekundenschnelle zuvor nicht gekannte Zweifel. Wollte ich an diesem Abend tatsächlich ein Steak essen? Sollte ich nicht mal meinen Fleisch-Konsum drosseln. Ich fühlte, wie plötzlich meine Finger feucht wurden und ich unruhig auf dem Stuhl hin- und her rutschte.  Dann hörte ich mich fragen, ob bei der Soße zu den Ravioli mit Steinpilzfüllung auch Sahne verwendet werde und ob ich statt eines gemischten Salats auch einen mit ausschließlich Tomaten haben könnte.
Meine Frau und mein Sohn mussten in diesem Moment dringend und kopfschüttelnd die Toilette aufsuchen.