“Bitte um neun Zentimeter wachsen!” 

Das moderne Leben im 21. Jahrhundert ist für unseren Kolumnisten Freddy Schissler, immerhin schon ein Ü55er, nicht immer leicht zu meistern, wie folgende Geschichte zeigt. Eigentlich hatte er an diesem Tag eher etwas Simples vor: eine Körperwaage zu kaufen. Eigentlich keine schwierige Aufgabe, aber…

Ich weiß nicht, ob Sie das kennen? Hin und wieder macht sich in mir der Wunsch breit, mein Körpergewicht zu überprüfen. Nach einem üppigen Essen selten, eher in jenen Momenten, wenn die Chefin des Hauses auf eine längerfristige fleischlose Speisekarte setzt und einen sogar mit der Neuigkeit überrascht: „Heute begnügen wir uns mit einem frischen Salat zum Mittagessen.“

Ich traf also nach so einer Zwangsdiät den Entschluss, eine Waage zu kaufen. Die alte hatte nach über 15 Jahren ihren Geist aufgegeben. Vorneweg: Ich wollte lediglich eine Waage, um mein Körpergewicht zu überprüfen – und um gegebenenfalls korrigierend darauf einzuwirken. Auch nach oben hin, wenn nötig. Das alleine war meine Absicht.

Ich machte mich an einem freien Nachmittag, als die Geschäfte wieder einmal offen hatten, auf die Suche nach einem geeigneten Produkt. Was gar nicht so einfach war. In den Regalen der Fachgeschäfte stapelten sich hunderte dieser Dinger, was die Entscheidung, zu welcher Waage ich greifen sollte, enorm erschwerte. Zum anderen hatte man mir ans Herz gelegt, doch bitteschön eine moderne Waage mitzubringen, bei der man nicht nur das Gewicht ablesen könne, sondern auch andere interessante Daten: Körperfettgehalt, Muskelmasse, Kalorienbedarf, die Raumtemperatur oder Luftfeuchtigkeit.

Mein Kauf nahm einen gesamten Nachmittag und den frühen Abend in Anspruch – und insgesamt vier Verkäuferinnen. „Multifunktionale, digitale Körperfettwaage“ hieß das Ding, zu dem ich (nicht ohne Druck von außen) gegriffen hatte, und so wuchtig diese moderne Wortkonstruktion ist, so kompliziert erwies sich in den Tagen nach dem Kauf für mich die Handhabung desselben.

Ich wagte gleichwohl kurz nach dem Kauf einen ersten Versuch, stellte mich auf die „Multifunktionale, digitale Körperfettwaage“ und…..nichts passierte. Das war früher anders. Da drehte sich eine Scheibe mit vielen Ziffern darauf und hielt – in meinem Fall gar nicht so spät (die Diäten meiner Frau lasse ich seit längerer Zeit über mich ergehen) – wieder an. Unter einem Strich war deutlich eine Zahl erkennbar: das Gewicht desjenigen, der auf der Waage stand. Der schaute dann fröhlich (wie ich) oder eben auch mitunter grimmig drein.

An diesem Nachmittag verfinsterte sich auch mein Blick – weil das Display der „Multifunktionalen, digitalen Körperfettwaage“ zunächst dunkel blieb. Das änderte sich erst nach einem wilden Drücken jener zahlreichen Knöpfe, auf denen Wörter wie „Set“ oder Zeichen wie „>“ und „<“ standen. Plötzlich blinkte es verdächtig grell und schnell, und irgendwann riet mir die digitale Anzeige, die eine Raumtemperatur von 48 Grad Celsius erkannt haben wollte: acht Kilogramm abnehmen, Fettgehalt um 15 Prozent senken und Körpergröße bitte um neun Zentimeter steigern!