„Des isch doch d’Bruder vom Bergdoktor“: Unser Fototermin mit Heiko Ruprecht in Lindau bleibt nur wenige Sekunden ungestört. Dann kommen die Fragen nach Autogrammen und Selfies. „Hans Gruber“ aber lächelt und bleibt in der Ruhe.

Ein Freitag Ende September, Stadthalle Wangen, Balladenabend in Wort und Musik. Auf der Bühne steht neben der Harfenistin der Vortragende – schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarze Schuhe: Heiko Ruprecht. Sein Blick geht in die Ferne, seine Hände verleihen den Worten zusätzliche Bedeutung, der Körper bleibt keine Sekunde still und das Publikum ist gebannt, weil die Worte von Goethes Erlkönig mit Vehemenz die Ohren der Zuhörer erreichen.

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„Hey, du bisch doch d’Bruder vom Bergdoktor. Wahnsinn! Also, dein Bruder mag i ja bissle lieber als di. Aber egal. Könnt‘ i mit dir a Selfie machen? Bitte!“ Ein Samstagnachmittag Ende September, Lindauer Hafen, Interviewtermin mit Heiko Ruprecht, der in der Stadt am Bodensee aufgewachsen ist und dort auch die Liebe zum Theaterspielen entdeckt hat. Nach ausführlichem Gespräch mit dem Schauspieler der ZDF-Serie „Der Bergdoktor“ im Nebenraum eines Cafes geht es raus, um noch ein paar Fotos mit dem Bayerischen Löwen im Hintergrund zu schießen. Der Foto-Klassiker in Lindau. Unsere Fotografin dirigiert den „Bruder des Bergdoktors“ auf ein Geländer direkt am Hafenufer, und lediglich eine halbe Minute kann sie ihn ungestört fotografieren. Dann gibt es drei Variationen, wie die zahlreichen Passanten reagieren: Stehen bleiben und mit der Begleitung tuscheln; das Handy heimlich zücken; mit dem Smartphone in der Hand auf Heiko Ruprecht zugehen und den Wunsch eines Selfies äußern. „Hans Gruber“ ist gut gelaunt an diesem sonnigen Samstag und erfüllt alle Wünsche.

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Auch am Tag zuvor, als Goethe, Schiller und Werke für Harfe dominieren und der Ring des Polykrates, Die Bürgschaft oder Der Zauberlehrling im Mittelpunkt stehen, fällt in der Pause das Wort Bergdoktor. Ein belauschtes Gespräch zweier Frauen – Frage der einen: „Den auf der Bühne kenne ich von irgendwo her. Weißt du, woher?“ Antwort der anderen: „Klar, der spielt doch beim Bergdoktor mit!“

Das wird Heiko Ruprecht vermutlich ein Leben lang begleiten, dass seine Person zunächst mit der Rolle des Bergdoktor-Bruders in Verbindung gebracht wird. Nun empfindet er das Mitwirken in der ZDF-Reihe, die regelmäßig über sieben Millionen Zuschauer vor den Bildschirm lockt, durchaus als Privileg. Gleichwohl betont er, dass er zwar zu Hundertprozent Hans Gruber verkörpere, umgekehrt allerdings dieser Landwirt und Bruder des Serienhelds nicht zu Hundertprozent Heiko Ruprecht ist. Diese Feststellung ist ihm wichtig, denn sein Beruf ist jener des Schauspielers, also in Rollen zu schlüpfen. Oder Bühnen-Projekte auf die Beine zu stellen. Zum Beispiel erwähnten Balladenabend und ein Shakespeare-Sonette-Programm, die der 49-Jährige jeweils mit Harfenistin Veronika Ponzer bestreitet. „Zudem spielt er Theater, zum Beispiel in Stuttgart und München. Oder geht auf Deutschland-Tournee, wie in der Komödie „Diese Nacht – oder nie!“ (6. März bis April 2022).“

„Ich liebe Literatur, die Klassiker und die Poesie“, sagt Heiko Ruprecht. Die Sympathie mit den Großen der deutschen Dichtung begann bereits in der Schule in Lindau, und wer ihn am Abend in Wangen erlebt, der spürt förmlich diese Liebe zu Schillers oder Goethes famoser Kunst, mit Worten zu jonglieren, zu spielen.

Seit vier Jahren ist er mit dem Programm „Die Geister, die ich rief“ unterwegs. Seit geraumer Zeit trägt er die Werke auswendig vor, zehn an der Zahl. Das ist quasi eine zentnerschwere Fülle an Worten, an anspruchsvoller Sprache und Poesie. Mit dieser Last sind schon manche Künstler in die Knie gegangen. Heiko Ruprecht nicht. Er steht mit seinen 1,87 Meter wie ein Fels in der Brandung auf der Bühne, lässt die Geister rufen und gibt den Texten Intensität und Tiefgang. Ein Abend, der berührt und an manchen Stellen unter die Haut geht.

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Beim Gespräch im Lindauer Cafe an diesem Nachmittag lässt der gebürtige Friedrichshafener keinen Zweifel aufkommen, dass ihm diese Flexibilität gefällt. Dass er sie geradezu braucht. Das Gegenteil davon wäre ein klar geregelter Tages- und Wochenablauf. Gewiss mit unterschiedlichen Erlebnissen, aber eben gleichbleibenden Arbeitszeiten an einem Ort. Zum Beispiel beim Beruf des Lehrers. „Das war für kurze Zeit eine Überlegung“, erinnert er sich an die Zeit vor dem Abitur.

Die gesamte Geschichte können Sie in der Printausgabe Winter 2021/22 lesen.

Text: Freddy Schissler | Fotos: Susi Donner & Erika Hauri