Mit Muskelkraft das Allgäu bezwingen: Das ist an diesem Sommertag das Ziel. Ob zwei orientierungslosen, einigermaßen sportlichen Frauen die Durchquerung von West nach Ost gelingen kann? Die etwas andere Geschichte.

Etwas ist merkwürdig an diesem Freitagmorgen. Nicht nur, dass ich bereits um 7 Uhr geweckt und mit schwerem Gepäck beladen werde, sodass ich mich schlaftrunken kaum auf den Rädern halten kann. Ungewohnte Spannung schwingt mit, als meine Fahrerin mit den Worten „mal schauen, wie weit wir kommen“ gemächlich in meine Pedale tritt. Viel zu gemächlich. Sicherlich überholen uns bald die Fliegen. Ein Fahrrad wie ich hat es auch nicht immer leicht.

Der Morgen hat unsere Gruppe von zwei Rädern und zwei Frauen mit klammen Fingern im Griff. Die Sonne steht noch tief, lange Schatten fallen auf die Straße. Im Wald ist bei den Damen trotz Fleecejacke schlottern angesagt. Wenn mal bloß keine vom Sattel fällt. Wäre jammerschade um die frisch polierten Felgen.

Was im Übrigen ebenso eigenartig ist: Am Abend zuvor wurden mein schwarzer Fahrradfreund und ich im wahrsten Sinne des Wortes herausgeputzt. Selten hat mein Orange so gestrahlt. „Damit du schick bist für die Fotos“, hieß es da. Regelrecht befremdend die nächste Aktion: Mein Lenker wurde mit Namen von Ortschaften beklebt, die ich nie zuvor in meinem Leben durchfahren habe. Untrasried, Obergünzburg, Ebersbach stehen nun quasi auf meiner Stirn.

Dann, urplötzlich der erste Stopp. Wie bitte? Sind wir denn nicht vor wenigen Minuten erst losgeradelt? Zugegeben, die Aussicht ist tatsächlich ein Foto wert: stahlblauer Himmel über dem Säntismassiv. „Den werden wir bald schon nicht mehr sehen, den Säntis“, sagt eine der Frauen. „Wahrscheinlich gegen Mittag.“ Moment mal. Noch nie sind wir hier im Westallgäu so weit gefahren, dass wir den Säntis aus dem Lenker verloren hätten. Das erscheint mir gar unmöglich. Es sei denn, wir fahren viel, viel weiter.

Wir rollen durch ein Weiler nach dem anderen. Die Bewohner schlummern noch. Ferienzeit, obendrein ein Brückentag. Nicht einmal auf den Bauernhöfen tuckert der Motor eines Traktors. Da ist keine Kuh, die muht. Kein Leben. Nur zwei Frauen und zwei Räder.

Nach gut einer Stunde rumpeln wir über eine Holzbrücke mit urigem Gebälk, während unter uns gelassen die Argen dahinplätschert. Ein Erpel nimmt ein morgendliches Bad.

Kurz darauf hüpft der Rucksack mit fünf Litern Wasser und einer Menge Proviant schwerfällig im Korb meines Gepäckträgers auf und ab, als wir über Kopfsteinpflaster holpern. Wie gut, dass ich heute Morgen frisch gepumpt losgezogen bin.
Ankunft in meiner meistbefahrenen Stadt, Wangen. „Na also, ein Zehntel der Strecke haben wir schon hinter uns“, sagt meine Fahrerin. In ihrer Stimme schwingt ein ironischer Unterton mit. Nun erfahre ich endlich, welch Schicksal mir bevorsteht: Wir sind nicht etwa für einen kleinen Einkaufsbummel nach Wangen geradelt, nein, die Frauen wollen das Allgäu durchqueren.

Die gesamte Geschichte können Sie in der Printausgabe Sommer 2021 lesen.

Text & Fotos: Isabelle Gassama