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Im Unterallgäu entdecken Besucher beeindruckende Residenzen, ein wertvolles Chorgestühl, Rokoko-Wallfahrtskirche und Renaissance-Schloss sowie eine geschichtsträchtige Benediktinerabtei. Und in der kreisfreien Stadt Memmingen legen sie aufs Brauchtum großen Wert.

Konkurrenz belebt das Geschäft. Das ist eine Binsenweisheit, die auf viele Bereiche des Lebens zutrifft. Selbst wenn Städte miteinander in Konkurrenz treten. Profitieren können in jedem Fall die Bürger davon, denn der jeweilige Ehrgeiz führt dazu, dass Stadtverantwortliche einiges vorantreiben, um letztlich attraktiver dazustehen als der Nachbar. Wir sind im Rahmen unserer 24-Stunden-Tour-Serie im Unterallgäu unterwegs, und die größte (kreisfreie) Stadt dieser Region ist Memmingen mit knapp 44000 Einwohnern. Unsere erste Station.
Nun ist Memmingen nicht die größte Stadt des Allgäus, weshalb der Begriff der „Metropole des Allgäus“ einer anderen Stadt vorbehalten ist, Kempten. Und dennoch ist es so, dass Memmingen eine sehr dominante Rolle innerhalb des Allgäus spielt. Immerhin gibt es dort den Allgäu-Airport, wo 2007 die ersten Linienflugzeuge gestartet sind. Während anderswo Regionalflughäfen nach wenigen Jahren wieder die Türen schließen mussten, weil sie vor dem finanziellen Aus standen, gibt es den Memminger Flughafen noch immer. Sogar größer und mit einem ausgedehnteren Flugplan als in der Anfangszeit. Einziges Manko: Es gibt seit geraumer Zeit keine Inlandflüge mehr.

Neben diesem wirtschaftlichen Drehkreuz (zu dem auch das Autobahnkreuz mit Anbindung in Richtung München sowie Richtung Bodensee gehört), verfügt die Stadt auch über ein quasi kulturelles Drehkreuz, zum Beispiel dem Landestheater Schwaben. Das ist die einzige Bühne der Region mit einem festangestellten Ensemble und Mitarbeiterteam, die zudem das gesamte Allgäu mit Aufführungen jeweils vor Ort versorgt.

Sternstunden im Bereich der Popmusik erlebte das Eisstadion, im Jahre 1987 aus dem Boden gestampft. Joe Cocker war mit seiner Reibeisenstimme dort, Peter Maffay, Herbert Grönemeyer, Bryan Adams oder Modern Talking. Kulturell weiß die Stadt auch mit ihrer Mewo-Kunsthalle und dem Antonierhaus zu punkten. Eine Urkunde besagt, dass König Friedrich II. dem Hospital des heiligen Antonius in der (Erz-)Diözese Vienne, einem Förderer der Antoniter, das Patronatsrecht seiner (Martins-)Kirche in Memmingen mir allen dazugehörigen Leuten und Rechten geschenkt habe. Wenn auch eher unwahrscheinlich ist, dass Memmingen die älteste Niederlassung der Antoniter in Deutschland ist, so gewann Memmingen durch das Antoniterhospital rasch an internationaler Bedeutung.

Kommen wir zum Brauchtum innerhalb der Stadt – das in diesem Jahr allerdings wegen der Corona-Pandemie beeinträchtigt ist. Da gibt es vor allem zwei große Eckpfeiler: den Fischertag und die Wallenstein-Spiele (beide finden erst wieder 2021 statt). Bei ersterem springen oder besser: jucken Männer in den Stadtbach und machen sich auf die Jagd nach der schwersten Forelle. Wer die fängt, darf sich ein Jahr lang Fischerkönig der Stadt nennen. Die Wallenstein-Spiel hingegen finden immer nur alle vier Jahre statt.
Auf unserer Unterallgäu-Tour machen wir Station in Kronburg. Zum einen beim Schweighart, dem großen Gasthof mit Brauerei im Ort. Legendär dort sind die Bockbierabende. Zum anderen im Schloss, das 400 Jahre alt ist und quasi über dem Illertal thront. Es stammt aus der Zeit der Renaissance, und wer einen Blick hinter die Gemäuer wagt, wird schnell feststellen, dass die Geschichte zum Greifen nah wird. Baron und Baronin von Vequel-Westernach führen sogar persönlich durch die beeindruckende Anlage. Das Schloss ist zudem ein stilvoller Ort für Konzerte, Schlosshoffeste oder einen stimmungsvollen Weihnachtsmarkt.

Nicht weit von Kronburg entfernt, aber auf der anderen Seite der Iller liegt Lautrach, und dort stoßen wir auf ein Schloss mit interessanter Vergangenheit. Die ehemals fürstäbtliche Residenz aus dem 18. Jahrhundert soll einst Treffpunkt für Künstler und Wissenschaftler gewesen sein. Inzwischen übernachten dort regelmäßig unter anderem Führungskräfte aus ganz Deutschland, um sich weiterzubilden. Ein breit gefächertes Seminarprogramm lockt seit vielen Jahren Teilnehmer von weither ins Unterallgäu – zu Tagesseminaren oder aber zu modularen Seminarreihen. Eindrucksvoll ist neben der aufwändigen Einrichtung der Schlosspark.

Wir kommen nach Maria Steinbach, einer kleinen Gemeinde südöstlich von Kronburg, die jährlich zahlreiche Wallfahrer anzieht. Deren Ziel ist die Rokoko-Kirche im Ort, ein Meisterwerk süddeutscher Sakralbaukunst mit einer von Joseph Gabler gebauten Orgel. Kurzer Rückblick: 1986 kam es zu einem bedenklichen Unfall. Während des Pfingstfestes löste sich ein Teil des Deckenstückes. Handwerker und Restauratoren mussten das Ganze wieder in Ordnung bringen und brauchten dafür vier Jahre. Kostenpunkt: 4,5 Millionen Mark. Heute erstrahlt die Kirche wieder in hellem Glanz.

Wir fahren wieder Richtung Memmingen und steuern Buxheim an. Wieder ein Ort mit einem kulturellen Juwel. In diesem 3000-Einwohner-Ort findet man das wohl am besten erhaltene Kartäuserkloster Deutschlands, umgestaltet im 15. Und 18. Jahrhundert. Das reich geschnitzte Chorgestühl der gotischen Klosterkirche mit ihrem Kreuzgang und der barocken Ausstattung ist ein Meisterwerk, in das Denkmalpflege und Politik sehr viel Arbeit und Geld gesteckt haben.

Ein Muss quasi auf unserer Unterallgäu-Tour ist der Kneippkurort Ottobeuren. Alleine schon wegen der 764 gegründeten Benediktinerabtei, die im 18. Jahrhundert zur größten Klosteranlage Süddeutschlands ausgebaut wurde. Prunkstück ist die Basilika, erbaut von 1737 bis 1766. Simpert Kramer legte einst die ersten Pläne für diesen kolossalen Bau auf den Tisch, den schließlich Johann Michael Fischer beendete. Highlights: Jedes Jahr erklingen Werke großer Komponisten in diesem beeindruckenden Konzertraum, der über 2500 Besuchern Platz bietet – geboten zudem von erstklassigen Ensembles, meist unter prominentem Dirigat. So sind im Gäste buch von Ottobeuren Namen wie Herbert von Karajan, Leonard Bernstein, Wolfgang Sawallisch oder Eugen Jochum verewigt. Einen Besuch wert ist zudem das Museum für zeitgenössische Kunst Diether Kunerth mit wechselnden Ausstellungen.

Text: Freddy Schissler, Fotos: Ralf Lienert & Matthias Becker