Passt diese Hose? 

Ich weiß nicht, ob man unseren Autor Freddy Schissler als verträumten Nostalgiker bezeichnen kann. Aber es ist einfach so, dass er sich bei der Neuanschaffung einer Hose äußerst schwertut. Er hat ein Leben lang Edwin-Jeans getragen, Modell Newton Slim. Die sitzt, meint er, an seinem Körper am besten. Er hat lange Beine, dafür aber einen geschrumpften Oberkörper. Vielleicht, glaubt er, haben sie bei der Firma Edwin eigens für ihn dieses Modell entwickelt. Nun gibt es das nicht mehr – und er leidet sehr…

Seit geraumer Zeit gibt es hierzulande keine Edwin-Jeans mehr, kein Modell Newton Slim. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen, als ich das erfuhr. Seither gleicht mein Hosenkauf einem Drama. Nicht selten verzweifeln an mir die Verkäuferinnen, beraten mich stundenlang, ohne dass ich am Ende etwas Passendes finde. Ich weiß selbst, dass es mit mir als Jeans-Kunden nicht leicht ist, und am Ende meiner Einkaufs- und Beratungstour überfällt mich regelmäßig ein Gefühl des Mitleids mit der betreffenden Verkäuferin.
Das hatte zuletzt fatale Folgen für mich in einem Jeans-Laden in München (Ich fahre seit einiger Zeit in deutsche Großstädte zum Einkaufen einer Jeans. Das hat zwei Vorteile: Zum einen ist dort die Auswahl bedeutend größer als in meiner Heimatstadt. Zum anderen ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass ich der betreffenden Verkäuferin jemals wieder über den Weg laufe). Ich weiß nicht mehr genau, ob es zwei oder drei Stunden waren, die ich an diesem Nachmittag darin verbracht hatte. Jedenfalls kam die nette, geduldige Dame mit der 24. Jeans aus dem Lager und beteuerte: „Das, mein lieber Herr, ist exakt das gleiche Modell wie eine Edwin-Jeans, Modell Newton Slim. Bitte glauben Sie mir das!“
Das flehentliche Zittern in ihrer Stimme fiel auch anderen Kunden auf, die sofort zu mir herüber starrten. „Ich werde auch diese probieren“, versprach ich, schnappte das von ihr gebrachte Modell und ging in eine Umkleidekabine. Nach wenigen Minuten stieß ich die Schwingtür auf, schlenderte zum nächst gelegenen Spiegel und verkündete die Sensation: „Diese Hose passt!“
Die Verkäuferin blickte mich zunächst mit großen Augen an, dann färbten sich ihre Backen leicht rötlich und schließlich kullerten ihr ein paar Tränen über die Backen. Tränen der Freude. „Danke, mein Herr, danke“, entfuhr es ihr. „Ich wusste, dass alles gut wird.“ Dann schlang sie die Arme um mich.
Erst zu Hause beim nochmaligen Anprobieren stellte ich fest, dass die Jeans ein klein wenig zu lang war und mit einem für meinen Geschmack zu großen Knick auf den Schuhen aufsaß. Die Tiefe der Seitentaschen entsprach nicht einmal zur Hälfte jener seiner Edwin-Jeans, Modell Newton-Slim. Und der Übergang zwischen Gesäßunterteil und dem oberen Teil der Oberschenkelrückseite fiel deutlich zu luftig aus. Es war für mich unmöglich, mit dieser Hose am Bein den Wirren des Arbeitsalltags zu begegnen. Ich habe sie kein einziges Mal mehr angezogen.
Freddy Schissler