Fernsehschauen ohne Farbe 

Wie man merkt, dass man älter wird? Wenn man zu einem Klassentreffen eingeladen wird und man sich nur noch dunkel an Namen der ehemaligen Kollegen erinnern kann. Geschweige denn an die Gesichter. Ich bekam eine entsprechende Einladung – und bin nervös geworden. Das ist normal bei mir, wenn Prüfungen anstehen. Schon in der Schule war das so: Wurden Mathe-, Französisch- oder Englischarbeiten geschrieben, brachte ich kaum einen Bissen hinunter. In einer Woche mit vier schriftlichen Tests konnte es sein, dass ich bis zu drei Kilogramm verlor. Gesund ist das nicht. Ein Klassentreffen ist auch nicht gesund. Das ist eine einzige große Prüfung.
Man steuert das Schulgebäude an, das einst wie ein zweites Zuhause gewesen war und steht plötzlich inmitten einer Gruppe alter Menschen mit grauen Haaren. Oder gar keinen mehr. Man lächelt unbeholfen, obwohl man am liebsten weinen würde. Was nur, geht einem durch den Kopf, machen die Jahre mit den Menschen?
Aber es bleibt keine Zeit für die Suche nach tiefsinnigen Antworten. Nun heißt es, die Prüfung zu bestehen. Immerhin habe ich zwei Wochen vor diesem Klassentreffen im Rahmen eines intensiven Privatstudiums Namen und Gesichter auswendig gelernt. Ob ich im Ernstfall die auch wirklich richtig zuordnen kann?
Bei einem Klassentreffen lauern überall Peinlichkeiten. Was, wenn man „Hallo Eugen“ sagt, aber Klaus-Dieter die Hand schüttelt? Womöglich konnten sich die Beiden damals schon nicht riechen. Man darf sich an so einem wichtigen Tag keine Blöße geben. Am besten lächeln, und wird man mit der Frage konfrontiert: „Na, wie geht’s dir denn so?“, darf man um Himmelswillen nicht ins Stottern geraten. Der Text, den man aufsagt, muss sitzen: „Oh, ich bin wirklich sehr zufrieden. Beruflich und auch privat, alles bestens. Doch! Wirklich! Alles klar! Und selbst?“
Überhaupt: Selbst Fragen zu stellen, ist in jedem Fall zu empfehlen. Das ist im Grunde genommen wie beim Fußball. Wer offensiv spielt und sich ständig in der Platzhälfte des Gegners aufhält, kann sich keine Gegentore einfangen. Aber merke: Wer fragt, muss auch Namen kennen. Bei den Männern ist das einfach. Da haben sich in aller Regel die Nachnamen nicht geändert. Bei den Frauen sieht das schon ein bisschen anders aus. Natürlich ist bis zum Klassentreffen die eine oder andere noch alleinstehend und trägt somit weiterhin ihren Nachnamen. Aber das ist eine Minderheit.
Klassentreffen nach vielen, vielen Jahren: Das ist wie Fernsehschauen ohne Farbe, Schreibmaschine schreiben auf einer Olympia oder Musik hören unplugged. Die Rückkehr zum Ursprung, verbunden mit einem Bündel an Namen, die man sich zwei Wochen lang eingehämmert hat. Und was passiert am Prüfungstag?
Ich, Freddy Schissler, werde angesprochen mit den Worten: „Hallo Alfred Schüssel, was machst du denn so inzwischen?“